Fehlen der deutschen Wirtschaft Fachkräfte?
Immer wieder lese ich in der Presse oder höre es im Radio,
dass die deutsche Wirtschaft händeringend Fachleute sucht. Es ist nicht immer
klar, welche Qualifikation genau gemeint ist. Doch ich gehe einfach mal davon
aus, dass es sich unter anderem um Ingenieure handelt.
Nun denke ich, dass diejenigen, die sich über den Mangel
beschweren, doch eigentlich in anderen Fällen immer die Lösung sofort parat
haben, die auch sonst immer gezogen wird: der Markt. Der Markt ist doch so
genial. Er bringt auch knappe Ressourcen an diejenigen, die eine entsprechende
Zahlungsbereitschaft zeigen. Nichts ist so effizient, wie der Markt, sagen uns
die Unternehmer und die Wirtschaftswissenschaftler. Somit schauen wir auf den
Arbeitsmarkt von Ingenieuren. Da die Nachfrage gegenüber dem Angebot gestiegen
ist, sollte der Preis, also der Arbeitslohn, für einen Ingenieur steigen.
Überraschung. Dies ist nicht der Fall. Die Löhne der Ingenieure haben sich in
den letzten Jahren genauso verhalten, wie die Löhne insgesamt: Reallohnsenkung.
Die Folgerung ist also, es gibt keine erhöhte Nachfrage nach Fachkräften. Dies
wird übrigens auch von einer Studie des DIW bestätigt.
Doch vielleicht haben wir es auf dem Arbeitsmarkt mit einem
anderem Phänomen zu tun, von dem die Wirtschaftswissenschaft praktisch nie
spricht und welches uns die Unternehmungen letztlich immer verheimlichen
wollen: Ausübung von Macht. Es gibt die erhöhte Nachfrage nach Fachkräften. Die
Unternehmen sehen und sagen dies. Doch die Unternehmen haben natürlich kein
Interesse, dass sie höhere Löhne für diese Fachkräfte zahlen. Somit setzen sie
ihre Möglichkeiten ein, die Marktkräfte mit ihrer Macht zu kompensieren. Denn
letztlich wollen sie billige Fachkräfte und keine Fachkräfte.
Ich persönlich glaube, dass wir es bei der Diskussion um Fachkräfte
genau um die Sichtbarwertung der von den Wirtschaftswissenschaftlern immer wieder
vernachlässigten Komponente Macht zu tun haben.
Es ist verständlich, dass in den Theorien die Macht bisher
nur eine untergeordnete Rolle spielt. Sie ist mathematisch nicht so schön
fassbar, wie Nachfrage- und Angebotskurven. Es wird auch deutlich, dass es,
wenn Macht eine entscheidende Rolle in der Wirtschaft spielt, keine Gewissheit
gibt, dass die vorhandene Situation, immer die beste und gerechteste ist, wenn
sie das Ergebnis eines freien Marktes ist. Es wäre also offensichtlich, dass
die Marktgläubigkeit, die ja so weit geht, dass die deutsche Kanzlerin von
einer marktfähigen Demokratie als Ziel spricht – bedeutet dies, dass Stimmen
und Gesetze per Angebot und Nachfrage bepreist werden und dann verkäuflich sind?
– eine reine Interessenvertretung ist.
Wie ist Eure Meinung?
