Sunday, March 24, 2013



Fehlen der deutschen Wirtschaft Fachkräfte?

Immer wieder lese ich in der Presse oder höre es im Radio, dass die deutsche Wirtschaft händeringend Fachleute sucht. Es ist nicht immer klar, welche Qualifikation genau gemeint ist. Doch ich gehe einfach mal davon aus, dass es sich unter anderem um Ingenieure handelt.
Nun denke ich, dass diejenigen, die sich über den Mangel beschweren, doch eigentlich in anderen Fällen immer die Lösung sofort parat haben, die auch sonst immer gezogen wird: der Markt. Der Markt ist doch so genial. Er bringt auch knappe Ressourcen an diejenigen, die eine entsprechende Zahlungsbereitschaft zeigen. Nichts ist so effizient, wie der Markt, sagen uns die Unternehmer und die Wirtschaftswissenschaftler. Somit schauen wir auf den Arbeitsmarkt von Ingenieuren. Da die Nachfrage gegenüber dem Angebot gestiegen ist, sollte der Preis, also der Arbeitslohn, für einen Ingenieur steigen. Überraschung. Dies ist nicht der Fall. Die Löhne der Ingenieure haben sich in den letzten Jahren genauso verhalten, wie die Löhne insgesamt: Reallohnsenkung. Die Folgerung ist also, es gibt keine erhöhte Nachfrage nach Fachkräften. Dies wird übrigens auch von einer Studie des DIW bestätigt.
Doch vielleicht haben wir es auf dem Arbeitsmarkt mit einem anderem Phänomen zu tun, von dem die Wirtschaftswissenschaft praktisch nie spricht und welches uns die Unternehmungen letztlich immer verheimlichen wollen: Ausübung von Macht. Es gibt die erhöhte Nachfrage nach Fachkräften. Die Unternehmen sehen und sagen dies. Doch die Unternehmen haben natürlich kein Interesse, dass sie höhere Löhne für diese Fachkräfte zahlen. Somit setzen sie ihre Möglichkeiten ein, die Marktkräfte mit ihrer Macht zu kompensieren. Denn letztlich wollen sie billige Fachkräfte und keine Fachkräfte.
Ich persönlich glaube, dass wir es bei der Diskussion um Fachkräfte genau um die Sichtbarwertung der von den Wirtschaftswissenschaftlern immer wieder vernachlässigten Komponente Macht zu tun haben.
Es ist verständlich, dass in den Theorien die Macht bisher nur eine untergeordnete Rolle spielt. Sie ist mathematisch nicht so schön fassbar, wie Nachfrage- und Angebotskurven. Es wird auch deutlich, dass es, wenn Macht eine entscheidende Rolle in der Wirtschaft spielt, keine Gewissheit gibt, dass die vorhandene Situation, immer die beste und gerechteste ist, wenn sie das Ergebnis eines freien Marktes ist. Es wäre also offensichtlich, dass die Marktgläubigkeit, die ja so weit geht, dass die deutsche Kanzlerin von einer marktfähigen Demokratie als Ziel spricht – bedeutet dies, dass Stimmen und Gesetze per Angebot und Nachfrage bepreist werden und dann verkäuflich sind? – eine reine Interessenvertretung ist.
Wie ist Eure Meinung?